...In der raumgreifenden Installation "Reconstructing Nature hat Birgitta Weimer einen netzwerkartigen Raum entworfen, der weder Skulptur noch Malerei ist und den Betrachter zwingt, sich in seiner Bewegung und Wahrnehmung neu zu organisieren. Damit setzt sie ihre Suche nach visuellen Analogien zwischen Kunst und Naturwissenschaft fort. Kunst wird zum Modell für nicht sichtbare Naturprozesse. Mit „Reconstructing Nature" entwickelt sie ein ästhetisches Modell, das wie eine Metapher für komplexe Ordnungen funktioniert. Damit greift die Künstlerin die methodische Symbolik der Wunderkammern der frühen Neuzeit auf, in denen sich Weltverständnis durch eine Analogie von Mikrokosmos und Makrokosmos konstituierte. Für Weimer ist Analogie eine Dialogform, bildlicher Gegenpol zum digitalen Geist der Gegenwart. Mit dem Begriff Rhizom verweist sie zudem auf den Poststrukturalismus und dessen zentrale Metapher für ein antihierarchisches Modell der Wissensorganisation und Weltbeschreibung....
Darüber hinaus aber bedeutet „Reconstructing Nature" nichts als eine gelungene räumliche Durchdringung von Farbe und Licht, Material und Materie und nicht zuletzt Energie als Zeichnung im Raum. Damit positioniert sich Weimer künstlerisch im Schnittpunkt von Skulptur – Objekt – Installation – Konzept. ...Ihre gezielte Setzung im Raum ermöglicht eine Sensibilisierung des Betrachters für den Ort und macht seine leibliche Partizipation zur Rezeptionsvorgabe. Birgitta Weimer hat mit „Reconstructing Nature" ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das in seinen Wechselbeziehungen von Verbergen und Enthüllen, gestörten und erfüllten Symmetrien und Erwartungen den Raum physisch und psychisch bewusst macht. Damit ist ihr nicht nur eine originäre Erweiterung des Skulpturenbegriffs ins soziale Feld hinein gelungen, sondern auch eine leibhaftige Neuinterpretation des Mottos ihrer Arbeit: Neuordnung der Natur nach den Gesetzen der Kunst.

Ulrike Lorenz, Direktorin Kunsthalle Mannheim, 2009

 

Reconstructing Nature

Birgitta Weimers Arbeit „Sphären" zieht magisch an: Durch eine schmale Tür betritt man einen dunklen, schmalrechteckigen Raum, auf dem Boden zeichnen sich helle  „Lichtlöcher" ab. Von der Decke hängen sieben „Büschel" aus schwarzen Gummischnüren herab, in deren Innerem Leuchtkörper verborgen sind: die Quelle der Lichtflecken, die den Raum scheinbar schachtartig in die Tiefe öffnen.
Vielfältige Assoziationen stellen sich beim Betrachten und Begehen der Installation ein, verbunden mit einem intensiven Wahrnehmungserlebnis, das in einen stillen Dialog zwischen Objekt und Betrachter mündet. Die „Sphären-Körper", nur an dünnen Drähten befestigt, scheinen zu schweben, im Luftzug fangen sie sachte an sich zu bewegen, dadurch beginnen auch die Lichtflecken auf dem Boden zu tanzen, zu vibrieren. Die Körper selbst wirken in ihrer unterschiedlichen Größe wie individuelle Lebewesen, wie Fetische einer fremden Kultur, wie Gestalt gewordene Geister von Verstorbenen, oder aber wie organische Zellkörper, wie isolierte mutierte biologische Organisationsformen.

Inge Herold, Kunsthalle Mannheim, 2008

Sphären

...Die Installation wirkt wie eine verlassende Szenerie. Sie ist unwirklich und geheimnisvoll. Geht man auf den Raumkörper zu, blickt durch die Fenster oder über die Wände auf den Boden, dann fällt der Blick auf eine glatte, tiefrot leuchtende Fläche, in der sich exakt die weißen Wände der Architektur als Spiegelbild weiter fortsetzen.  Die Spiegelung stellt den Raum quasi auf den Kopf, der Boden scheint sich zu öffnen, der Blick des Betrachters stürzt in eine unendlich erscheinende Tiefe. Wie bei Alice im Wunderland, als Alice einem Kaninchen folgt und dabei in einer traumartigen Unterwelt landet, so wird auch hier der Betrachter in eine andere Realität geführt. Je länger man auf die rote Fläche blickt, entdeckt man wie sich auch die Gitterkonstruktion und die großen, in der Decke abgehängten Röhren auf der glatten Oberfläche spiegeln. Die organische Form der Röhren erinnert auch an das Innere eines Organismus'. Ein neuer Raum im Raum ist entstanden. Er besitzt ein Eigenleben, eine eigene Körperlichkeit. Im Kontrast zum knöchernen Weiß der Wände steht die glatte, tiefrot leuchtende Fläche. Mit Rot verbinden wir sofort Liebe und Leidenschaft. Rot steht aber auch für Aggression. Rot erinnert an Blut, und damit an das Leben, an Verwundung aber auch an den Tod. „Tot sind wir erst" so Birgitta Weimer
„wenn wir aufgehört haben zu bluten".

...Die Arbeit ist konzeptuell, minimalistisch und zugleich emotional. In der Durchdringung dieser Gegensätze entsteht ein magisch auratischer Ort, ein kultischer, tempelartiger Raum, ein Ort der Stille und der Meditation.

Barbara Auer, Direktorin Kunstverein Ludwigshafen am 25.11.2007

Even if Love

...Art constructs a tenuous point of contact between an infinite mass of precisely firing neurons and the chaos of our monadic inner atmosphere. It makes visible both the compositional hard wiring as well as the emotional cloudiness of thought colliding with recalcitrant matter. Complex artworks themselves the incarnate demonstration of the sophisticated process of high-order cognition, go beyond the analytical issues being tackled in neuroscience laboratories...
So far nothing in chemistry, physics or biology explains the nature of this subjective experience or captures those moments of connectedness when we most vividly sense that someone is inside our heads....
Revitalizing forgotten or despised analogy, then might help us discover not only how the mind seeks out and binds clear with fuzzy arrangements, or manages to synthesize the vast quantities of chaotic data with which we are increasingly inundated, but how, time and again, it stitches our mutable, compound selves into a single self in periods of consciousness.

Barbara Stafford: Visual Analogy. Consciousness as the Art of Connecting, p. 179, MIT-Press Cambridge MA, 1999

Stafford